Margit Hertlein im Interview mit ZDF heute

Jammern und Klagen im Büro

 

heute.de: Warum jammern wir so gerne?

Hertlein: Also ein Grund ist, dass es scheinbar eine Erleichterung bringt, wenn man sein Inneres entlastet. Die Grundidee des Jammerns ist ja, das Thema, das uns gerade im Kopf herum geht oder im Magen liegt, nach außen zu bringen.

heute.de: Klingt ganz positiv.

Hertlein: Es gibt Studien, die beweisen, dass das Immunsystem gestärkt wird, wenn man Dinge bespricht und nach außen bringt. Wer alles in sich hineinfrisst, schwächt sein Immunsystem. Das ist der positive Teil des Jammerns, ich spreche lieber von Klagen, zum Beispiel über den ekelhaften Kunden am Telefon.

heute.de: Und der negative Teil?

Hertlein: Das Klagen kippt in Jammern um, wenn es sich ständig wiederholt, der Kunde immer wieder bejammert und beschimpft wird. Da verfällt Jammern dann in eine Bestätigung eines negativen Zustands, ohne dass man etwas tut, um den Zustand zu ändern. Jammern ist dann also unkonstruktives Klagen.

heute.de: Das äußert sich wie?

Hertlein: Man sitzt in einem Sumpf und kommt nicht mehr heraus. Dann ist es auch nicht mehr gesundheitsfördernd, sondern stabilisiert die schlechten Verhältnisse.

heute.de: Und warum jammern wir vor allem so gerne auf der und über die Arbeit?

Hertlein: Auf der Arbeit gibt es einfach viele Situationen, die ungut sind. Man muss mit Menschen und Kunden auskommen, die man sich im Privatleben nicht aussuchen würde. Die rufen an, wollen etwas sofort und man muss reagieren. Da gibt es einfach viele Chancen auf Ärger-Einheiten, die man versucht übers Jammern zu verarbeiten.

heute.de: Geht es uns also wirklich schlecht, wenn wir jammern?

Hertlein: Den Jammernden geht es oft nicht schlecht, sondern sie finden Gleichgesinnte, die mit über Chefs und Kunden jammern. Dieses Gemeinschaftsgefühl macht das Jammern erst tückisch. Auf Dauer schafft man damit ungute, vergiftete Stimmung, weil sich ja nichts ändert. Dabei sind ja in der Realität nicht alle Kunden Deppen.

heute.de: Wer jammert mehr - Frauen oder Männer?

Hertlein: Frauen jammern gerne im geschützten Kreis mit Frauen, oft gibt es so etwas wie die Kaffeeklatschecke im Büro. Frauen reagieren auch extrem ärgerlich, wenn andere Frauen da nicht mitmachen wollen im Jammersumpf. Dann gibt es gleich das nächste Thema.

heute.de: Und die Männer?

Hertlein: Männer jammern auch, aber eher über die Ungerechtigkeit der Steuerpolitik, dass sie alles besser könnten und es keiner glaubt. Das ist eher ein Stammtischjammern, ein Jammern auf weltpolitischem Niveau. Aber Stammtisch- und Kaffeeklatschjammern haben eins gemeinsam: Es wird nichts dafür getan, dass sich etwas ändert, denn dann gäbe es ja nichts mehr zu jammern.

heute.de: Jammern die Deutschen mehr als andere Nationen?

Hertlein: Jammern ist auf der ganzen Welt verbreitet, aber wir Deutschen sind da sehr weit vorne, weil wir uns gerne seelisch an Dingen abarbeiten, die wir nicht ändern können. Wir jammern über Probleme, bei denen andere Völker abends noch ein Lächeln auf den Lippen haben.

heute.de: Zum Beispiel?

Hertlein: Ist es wirklich ein Grund zum Jammern, wenn man nicht auf die Malediven in Urlaub fahren kann? Oder wir in unserem reichen Land Flüchtlinge aufnehmen? Wir Deutschen verlieren da manchmal das Verhältnis. Wir verlangen etwa vom Kunden Freundlichkeit, sind aber selbst nicht höflich am Telefon.

heute.de: Sehr professionell ist Jammern also nicht. Wie kommt man denn zumindest bei der Arbeit raus aus dem Jammersumpf?

Hertlein: Achtung, wenn der Jammersumpf zum Ritual in der Küche wird. Ich rate nie komplett auszusteigen, sonst isoliert man sich ja. Besser ist es schön homöopathisch bei sich anzufangen. Sich angewöhnen in kleinen Dosen zu klagen und sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Der erste Schritt ist also, die innere Haltung zu ändern und mehr Leichtigkeit zu bekommen. Danach kann man besser aktiv gucken, was man an Änderungen anpacken kann. Wir dürfen nicht vergessen: Bei der Arbeit verbringen wir sehr viel Zeit. Die sollten wir uns nicht unnötig schwer machen. Das lohnt sich. Es ist definitiv so: Wer weniger jammert, kriegt mehr auf die Reihe!

 

Das Interview führte Valerie Henschel.

 

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