Navigieren beim Driften: Analoge Vorbereitung auf den digitalen Wandel. Teil 3

Flow und schöpferische Imagination

Flow und schöpferische Imagination

Der Erlebnispädagoge Kurt Hahn, der zusammen mit Prinz Max von Baden das Internat Schloss Salem gründete, nannte dieses Flow-Erlebnis vor mehr als hundert Jahren schöpferische Leidenschaft. Eines der von ihm formulierten Sieben Salemer Gesetze lautet „Gebt den Kindern Gelegenheit zur Selbsthingabe an die gemeinsame Sache“ - und genau hier sind auch die Schlüsselwörter für die Orientierung in unsicherem Umfeld versteckt:

  • Selbsthingabe: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten führt beinahe zwangsläufig dazu, mehr Initiative zu wagen und motivierter und engagierter auf das Ziel zuzugehen
  • gemeinsame Sache: das Schaffen eines gemeinsamen Bildes, mit dem nach anregenden und anstrengenden Dialog alle Mitwirkenden einverstanden sind. 

Imagination lässt sich unterschiedlich interpretieren: „sich-ein-Bild-machen“, sich etwas vorstellen oder „einbilden“. Imagination kann im Kontext der Vorbereitung auf den digitalen Wandel drei Bedeutungen haben:

  • etwas beschreiben,
  • etwas schaffen,
  • etwas in Frage stellen.

Das Zusammenspiel dieser drei Formen ist genau das, was die strategische Imagination ausmacht – den Ursprung kreativer, radikaler, ungewöhnlicher neuer Ideen für brauchbare Antworten auf die Transformation. Flow beim Schaffen eines gemeinsamen Zukunftsbildes

Die beschreibende Imagination erzeugt Bilder, die eine komplexe und oft verwirrende Umwelt beschreiben. Sie erkennt in einer Flut von Informationen deutliche Muster und Regelmäßigkeiten – in etwa die wirklichkeitsnähere Form der „Matrix“. Beispiele sind Wertschöpfungsketten, das Vier-Aktionen-Format von Kim und Mauborne oder die BCG-Matrix der Boston Consulting Group. Mit beschreibender Imagination sehen wir das, was vor unseren Augen geschieht, und bringen es in einen Zusammenhang. Gerade zum gemeinsamen Verständnis eines Ist-Zustandes als Ausgangspunkt für neue Strategien ist sie sehr hilfreich.

Die schöpferische Imagination ist für die Entwicklung von Strategien und Geschäftsmodellen notwendig - Brainstorming und viele Großgruppenmethoden sind Beispiele dafür. Während die beschreibende Imagination zu erkennen hilft, was der Stand der Dinge ist, erlaubt die schöpferische Imagination, das wahrzunehmen, was NICHT da ist – und damit etwas wirklich Neues, völlig Anderes zu schaffen. Innovative Strategien, bei denen Unternehmen versuchen, ihre Wettbewerber an den Spielfeldrand zu drängen, als mit ihnen in direkter Konkurrenz zu stehen, sind das Ergebnis – Virgin, Dell, KTM, Apple und Uber sind zweifellos gute Beispiele dafür.

Die verneinende Imagination widerspricht der üblichen Vorstellung von Fortschritt und Tempo um des Tempos willen radikal und zerstört sie sogar. Sie wirft alle angestaubten Regeln über den Haufen und macht reinen Tisch. Sie fügt nicht einfach ein neues kleines Element an ein bereits vorhandenes, sondern beginnt ganz neu und setzt nichts voraus. Der Begriff „Dekonstruktion“ beschreibt dieses Phänomen am besten. Ein gutes Beispiel ist der Reengineering-Ansatz von Michael Hammer: nicht die Verbesserung bestehender Praktiken ist das eigentliche Thema, sondern „Aufgabe und Neubeginn, dem Beginn mit dem sprichwörtlich reinen Tisch und einer Neudefinition der eigenen Arbeits- und Vorgehensweise“ wie Hammer sagt.

Alle drei nun zusammen ergeben die strategische Imagination – einen Prozess, der sich aus diesen den vorher besprochenen Formen von Imagination zusammensetzt. Als erwünschte Nebenwirkung erzeugt er eine soziale Dynamik: neues Wissen wird mit vorher erlernten Kenntnissen und Erfahrungen konstruiert. Neue Bedeutungen ergeben sich aus diesem Wissen, und eine klare Richtung mit gemeinsam gefundenen Antworten wird geschaffen.

Nächste Woche geht es weiter mit dem vierten Teil „Und die Ergebnissse?“

Prof. Dr. Reinhard Ematinger

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