Von Industrie 4.0 zum Geschäftsmodell 4.0

Warum wir ein neues Verständnis von Prozessen brauchen

Die Industrie 4.0 wird nichts weniger als eine Revolution der Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle möglich machen und die Interaktion von Mensch und IT wird sich in sich bereits jetzt deutlich abzeichnenden Industrie-4.0-Szenarien entsprechend neuer interner und externer Prozesse neu definieren. Mehr Verantwortung wird im Dirigieren und Orchestrieren der Abläufe, die nun in Echtzeit und Hand in Hand mit intelligenten Maschinen und Anlagen passieren, liegen. Die Autoren des IBM-Whitepapers "Effizienz schlägt Vielfalt – Industrie 4.0 gelingt schrittweise" [1] raten zu einem überlegten Vorgehen: "Unklar ist jedoch oft, an welcher Stelle der Prozesse der erste Schritt notwendig ist. Weiter muss geklärt werden, ob Veränderungen notwendig sind, wie Prozesse umstrukturiert werden sollten oder ob sie gar überflüssig werden."

Ganze Prozesslandschaften verändern sich im Moment durch Digitalisierung und Vernetzung, und sie werden das auch künftig tun. Soweit die Theorie. Und die Praxis: Um mit neuen Konzepten und Werkzeugen erfolgreich zu sein und Potenziale tatsächlich zu heben, ist detailliertes Wissen um die eigenen aktuellen und möglichen künftigen unternehmensinternen Prozesse und die der Kunden und Lieferanten notwendig [2]. Ich habe dazu fünf vielversprechende Muster gewählt, umreiße sie kurz und nenne Vorteile und Beispiele von Anwendungen.

Sie machen die Optimierung der Interaktionen mit Geschäftspartnern möglich, indem sie riesige Mengen an Transaktionen gleichzeitig ablaufen lassen und eine Übersicht – beispielsweise der gesamten Logistikkette – zu jedem Zeitpunkt gewährleisten. Daten wie Lagerbestände, Transportzeiten oder Fertigungsstände sind ständig genauso aktuell verfügbar wie Analysen zur Profitabilität einzelner Produkte und Dienstleistungen. Die Vorteile der kürzeren Zyklen für Geschäftsprozesse liegen in einer besseren Nutzung von Anlagen, in schnelleren Abschlüssen von Geschäftsjahren oder in einer höheren Kundenbindung. Dem Motorradhersteller Harley-Davidson gelingt es, durch den Einsatz intelligenter Sensoren Produktionsdaten kontinuierlich zu analysieren und den Zeitbedarf einzelner Fertigungsschritte auf Zehntelsekunden genau zu bestimmen [3]. Die Maschinen der Fertigungsanlage kommunizieren miteinander und sind in der Lage, 1.700 Produktvarianten auf einer Anlage zu fertigen. Damit ist Harley-Davidson in der Lage, deutlich mehr Produkte zu fertigen und die Lieferzeiten individueller Motorräder von bisher 21 Tagen auf nun sechs Stunden zu reduzieren [4].

Sie unterstützen Unternehmen beim Treffen intelligenterer Entscheidungen, indem sie beispielweise durch die Integration mit ERP-Systemen Zustände von Fertigungsanlagen mit Sensoren erfassen, mögliche Ausfälle bereits im Vorfeld erkennen und korrigierende Maßnahmen rechtzeitig einleiten können. Auch externe Daten von Geschäftspartnern, Statistikportalen, Wetterstationen, Veranstaltungskalendern, Agenturen oder sozialen Medien sorgen dafür, dass Unternehmen präzise Bedarfsprognosen erstellen, Lagerbestände optimieren, maßgeschneiderte Angebote zum richtigen Zeitpunkt aussenden und Out-of-Stock-Raten reduzieren können. Die Vorteile liegen im effizienteren Einsatz von Ressourcen, höherer Produktivität und geringeren Kosten. Der Sportbekleidungshersteller Under Armour kann das Verhalten seiner Kunden voraussagen, indem er die individuellen Transaktionen der Käufer mit saisonalen, wöchentlichen und täglichen Mustern korreliert [5], [6]. Die 13-Millionen-Stadt Buenos Aires verwaltet mehr als 700.000 Objekte wie Straßen, Lampen, Parks, Haltestellen, Brücken und Gebäude. Durch das Sammeln und Analysieren von Daten konnte die Antwortrate der mehr als 3.000 Mitarbeiter auf Störungen innerhalb von 2 Tagen von 1 Prozent in 2009 auf 80 Prozent in 2014 gesteigert werden [7].

Sie optimieren Geschäftsprozesse durch Reduktion von Prozessschritten oder Automatisierung, um einerseits den Anforderungen der Kunden nach individuellen und hochwertigen Produkten und Dienstleistungen und schneller Reaktion auf Bestellungen zu begegnen und um andererseits Versorgungsengpässe oder Verzögerungen zu vermeiden. Ziel ist unter anderem, direkte und indirekte Kosten kontinuierlich zu reduzieren, indem relevante Kostentreiber und Verschwendungen in den bisherigen Prozessen ermittelt werden. Die Vorteile einer Abstimmung der Abläufe in Beschaffung, Fertigung und Vertrieb liegen in gesteigerter Profitabilität und Lieferfähigkeit und in der langfristigen Sicherung des im Unternehmen vorhandenen Wissens. Das chilenische Bergbauunternehmen Codelco gründete 2003 eine Digital-Tochter, entwickelte eine Zukunftsvision für seine Betriebe und automatisierte im Rahmen der "Codelco 2.0"-Initiative seine vier Kupferminen. Fahrerlose Transporter, ferngesteuerter Abbau des Gesteins und Echtzeitinformation aller relevanter Daten sind die Ergebnisse der Initiative [8]. Das Hamburger Beratungsunternehmen Implico automatisiert die logistischen und administrativen Prozesse der Öl- und Gasindustrie und verspricht seinen Kunden schnellere, transparentere und kostengünstigere Prozesse: basierend auf gesammelten Daten und Verbrauchsvoraussagen werden automatisch Bestellungen ausgelöst, Routen für Tanklaster geplant und Rechnungen erstellt.

Sie nutzen kontextbezogene Daten aus unterschiedlichen Quellen, um Abläufe zu optimieren, und bieten Nutzern unzählige Möglichkeiten, mit Unternehmen und Produkten zu interagieren. Lieferanten gewinnen mit interaktiven Inhalten wie Videos oder Spielen Einblicke in die Präferenzen ihrer Kunden und sind in der Lage, diese Erkenntnisse in maßgeschneiderte Kommunikation und Ideen für künftige Produkte umzusetzen. Die Vorteile liegen in der höheren Wahrscheinlichkeit, mit relevanten Angeboten aus Interessenten Kunden zu machen und in der Reduktion der Abwanderungen von Kunden. Das österreichische Unternehmen Swarovski bietet B2B-Kunden mehr als 15.000 Variationen seiner Kristalle und über 400.000 weitere Elemente an [9]. Mit üblichem Präsentationsmaterial – bestehend aus gedrucktem Katalog, Materialmustern und Broschüren mit einem Gesamtgewicht von etwa 40 kg – ließ sich diese Vielfalt kaum darstellen: vor der Vorstellung der "Crystal Collection"-App für Smartphones und Tablets war nur etwa 10 Prozent der verfügbaren Kollektion für Kunden erlebbar. Die App erlaubt es, jede erhältliche Produktvariante interaktiv zu zeigen, Verfügbarkeit und Lieferzeiten anzugeben und neue Produkte ohne Verzögerung anzubieten. Einblicke in die Präferenzen der B2B-Kunden können für Entwicklung neuer Produkte genutzt werden.

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Sie nutzen das "Denken" und "Lernen" von Maschinen, die auf einen Erfahrungspool aus gesammelten Daten zurückgreifen, um selbständig Entscheidungen zu treffen und Abläufe anzupassen. Auch Muster im Verhalten von Kunden können erkannt werden, um schneller maßgeschneiderte Angebote zu generieren und die Wahrscheinlichkeit eines Kaufs zu erhöhen. Die Vorteile liegen in der Reduktion von Durchlaufzeiten in der Produktion und in der Steigerung der Einnahmen. Das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung entwickelt ein selbstlernendes Automatisierungssystem zur effizienten Reinigung: Um bei der Lebensmittelherstellung hohe hygienische Standards einzuhalten, müssen Produktionsanlagen kontinuierlich überprüft und gereinigt werden, ohne sie zu demontieren. Der Reinigungsprozess ist zwar gründlich, aber überdimensioniert, er verbraucht zu viel Wasser, Reinigungsmittel und Zeit. Maschinen werden künftig erkennen, wie verschmutzt sie sind, und selbstständig entscheiden, wie viel Wasser, Reinigungsmittel und Zeit zur Reinigung verwendet werden [10]. Mit diesem Verfahren werden die Produktionsanlagen hygienisch einwandfrei und gleichzeitig umweltschonend gereinigt und die Ausfallzeiten verkürzt.

 

Dr. Reinhard Ematinger

 

 

[1] http://www-01.ibm.com/common/ssi/cgi-bin/ssialias?subtype=WH&infotype=SA&htmlfid=IDW12349DEDE&attachment=IDW12349DEDE.PDF

[2] http://www.it-production.com/index.php?seite=einzel_artikel_ansicht&id=63426

[3] http://www.industryweek.com/iw-best-plants/2013-iw-best-plants-winner-harley-davidson-driving-future-excellence

[4] https://www.constellationr.com/content/internet-things-what-happens-when-sense-needs-respond-come-existing-legacy-enterprise

[5] http://www.thedrum.com/news/2016/03/10/its-only-going-get-bigger-how-under-armour-planning-revolutionize-connected-fitness

[6] http://www.bloomberg.com/news/articles/2016-01-07/ibm-extends-reach-into-health-care-with-under-armour-medtronic

[7] http://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/global/Documents/Technology/gx-cons-tech-sap-city-government-buenos-aires.pdf

[8] https://www.capgemini.com/resource-file-access/resource/pdf/The_Digital_Advantage__How_Digital_Leaders_Outperform_their_Peers_in_Every_Industry.pdf

[9] http://professional.swarovski.com/Portal.Node/content/crystals/collection/crystal_collection_app/Collection.en.html?WT.ac=startpage%2Fpro_teaser_type_19%2FThousands+of+crystals+wherever+you+go

[10] https://idw-online.de/de/news651070

 

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