stay hungry (1)

Warum hat die Neugier in unserer Kultur so einen schlechten Ruf?

 

Wollen Sie wissen, wie Roland Ehrlinger von Chris Rupp genannt wird, wenn sie ihn aufmuntern will? Ja? Soll ich es Ihnen verraten? Dann stehen Sie jetzt bitte auf, machen einen Handstand oder drehen das Dokument um 180 Grad.

Haben Sie nachgesehen? Ich hätte auf jeden Fall einen Handstand gemacht. Und damit sind wir auch schon bei der Neugier und ihrem schlechten Ruf.

Denn seit den Menschen interessiert, was seine Mitmenschen so treiben, hat die Neugier einen fragwürdigen Ruf. Die Literatur zu allen Zeiten ist voll von Beispielen, bei denen die Neugierigen richtig schlecht wegkommen. Ovid schilderte drastisch was mit Neugierigen passiert – Strafen und meist ein extrem verkürztes Leben. Zum Beispiel erwischte es Acteon ganz übel. Er sah bei einer Jagd etwas zu neugierig hin, als die Göttin Diana badete. Zack, wurde er in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Jagdhunden zerfleischt. Oder der König von Theben, Pentheus, wollte sich voller Neugier bei den Bacchantinnen einschleichen. Zack, wurde er entdeckt und mit Doppel-Sehen bestraft. Die Bibel erzählt von Lots Weib, die sich neugierig noch einmal zur untergehenden Stadt umdrehen wollte. Zack, wurde sie zur Salzsäule. Und spätestens seit dem einflussreichen Kirchenvater Augustinus von Hippo war dann die Neugier für das Christentum gestorben. Da war diese Apfelsache mit der neugierigen Eva. Dabei ist Evas Griff nach dem „Adamsapfel“ eigentlich eher ein Problem der Loyalität gegenüber dem Gartenbesitzer, der das Zugreifen ausdrücklich verboten hatte, als ein Grund, die Neugier für immer und ewig in Bausch und Bogen zu verdammen.

Jahrhundertelang wurde unter dem einen Wort Neugier alles zusammengefasst, was als Sünde galt, im religiösen und weltlichen Sinn. In das Wort Neugier stopfte man Sensationsgier, Schnüffelei, Taktlosigkeit, den Wunsch Dinge zu erfahren, die einen nichts angehen (gr. Periergia) und auf bayrisch „Leut‘ ausrichten“, aber auch die epistemische Neugier, also den Wissendurst, Wissensdrang und Wissbegier (gr. Philomathía), Staunen, Wundern (gr.thauma) und das Interesse am Erkennen. Aristoteles machte noch einen Unterschied zwischen der fragwürdigen „periergia“ und der „thauma“. Wenn aber alles in einen Topf, bzw. in ein Wort geworfen wird, dann gilt das schlechte Image für beide Aspekte der Neugierde.

Deshalb will ich ein eindeutiges und tief überzeugtes Loblied auf die epistemische Neugier, den Wissensdurst, singen. Ohne sie wäre die Menschheit immer noch ohne BBQ und ohne unser heutiges Gehirn. Mehr dazu in der nächsten Folge.

Margit Hertlein

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